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Digitale betriebswirtschaftliche Werkzeuge als Unterstützung für das Obstbaumanagement

Digitale betriebswirtschaftliche Werkzeuge als Unterstützung für das Obstbaumanagement


Letztes Jahr hat das Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau e.V.  (ZBG) gemeinsam mit der  Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Farmable eine Zusammenarbeit begonnen, um gemeinsam besser zu verstehen, wie digitale Werkzeuge die betriebswirtschaftliche Steuerung und Entscheidungsfindung in Obstbaubetrieben erleichtern können.

Im Rahmen eines praxisnahen Forschungsprojekts beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema digitaler Transformation der Planung, Koordination und Kontrolle aller Unternehmensbereiche von Obstbaubetrieben. Ziel ist es, herauszufinden, ob und wie Management- und Informationssysteme, wie z.B. die Farm Management App Farmable, Betriebsleiter deutscher Obstbaubetriebe dabei unterstützen können, die betriebswirtschaftliche Steuerung ihres Unternehmens zu verbessern und zu vereinfachen. Zentral ist die Frage, inwiefern digitale betriebswirtschaftliche Unterstützung die Betriebsführung verbessern und Entscheidungen datenbasierter machen kann.

Wie auch Farmables Gründer, Lars Blikom, bereits in seiner Blogreihe besprochen hat und aus dem eigenen Betrieb kennt, beruht betriebswirtschaftliche Entscheidungsfindung in Obstbaubetrieben häufig auf Erfahrung und Intuition. Betriebswirtschaftliche Planung, Koordination und Kontrolle wird selten so umfassend angewendet, wie es in der Lehre gedacht ist. Der erkennbare Nutzen im Verhältnis zum Aufwand im Alltag erscheint Betriebsleitern eher gering.

Weitere Hürden für die häufig geringe Anwendung von betriebswirtschaftlichen Maßnahmen wie Budgetierung und Kostenkontrolle, sind unter anderem:

  • Hohe Arbeitsbelastung im Tagesgeschäft führt zu weniger Kapazitäten für strategische Aufgabenstellungen

  • Betriebswirtschaftliche Komplexität, z.B. durch abweichende Zeiträume der Entstehung von Zahlungsströmen (s. Kosten und Umsätze)

  • Datengrundlage im Betrieb ist nicht vorhanden, bzw. liegt nicht gesammelt vor

Vor diesem Hintergrund war es für uns wichtig, gemeinsam zu verstehen, wie der aktuelle Stand der betriebswirtschaftlichen Planung, Koordination und Kontrolle in den Obstbaubetrieben ist und wie die Betriebsleiter glauben, dass Technologie den Mehrwert der Ausführung betriebswirtschaftlicher Maßnahmen in ihren Betrieben verbessern kann.

Wie auch das ZBG, das im Zuge der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Betriebsvergleich 4.0 eng mit Betrieben zusammenarbeitet, glauben sowohl Farmable bei der Entwicklung der Farm Management App als auch die LWK Niedersachsen, dass der Schlüssel für dieses Projekt in der engen Zusammenarbeit mit Erzeugern liegt. Durch erste Betriebsbesuche und Interviews mit Erzeugern begannen wir im letzten Jahr, die Bedürfnisse der Betriebe für betriebswirtschaftliche Unterstützung zu verstehen. Dabei waren Betriebe aus dem Alten Land, vom Bodensee und dem Rheinland, die Farmable in der letzten Hauptsaison bereits aktiv genutzt und z.B. ihren kompletten Pflanzenschutz damit dokumentiert haben. Andere haben bisher nur einige Funktionen ausprobiert und nutzen digitale Werkzeuge im Betrieb nur vereinzelt.

Erste Erkenntnisse der Betriebsbesichtigungen geben einen interessanten, ersten Einblick:

  • Die Anforderungen der Betriebsleiter an Softwarelösungen generell und insbesondere für betriebswirtschaftliche Unterstützung sind sehr individuell. Die Betriebsstruktur, Unternehmerpersönlichkeit, betriebswirtschaftliche Fachkenntnis und Interesse neue Technologien zu nutzen haben einen Einfluss auf die Verwendung von digitalen Werkzeugen.

  • Es gibt eine breite Spanne wie betriebswirtschaftliche Anforderungen gehandhabt werden. So setzen sich einige Betriebsleiter tiefgehend mit betriebswirtschaftlichen Fragen auseinander, während Andere Aufgaben wie Soll-Ist-Vergleiche oder Investitionsrechnungen komplett an ihre Steuerberater auslagern.

  • Die digitalen Quellen für betriebswirtschaftliche Daten sind nicht in vollem Umfang vorhanden. Außerdem taucht wiederholt der Wunsch zur Bündelung und Integration von Daten einzelner Unternehmensbereiche und Technologien auf.

  • Der Mehrwert der digitalen Verfügbarkeit von Daten, z.B. aus der Produktion, überwiegt den Nachteil einer teils zeitintensiven mobilen und manuellen Erfassung von Daten bei der Durchführung und Dokumentation von Arbeitsschritten.

  • Besonders wichtige Vorteile gegenüber der nachträglichen Datenerfassung im Büro sind der Wegfall des Zeitaufwands für doppelte Dokumentation und von Übertragungsfehlern. Die Betriebe erkennen z.B. eine potenzielle Steigerung der Effizienz in Dokumentationsprozessen.

Diese ersten Interviews haben eine interessante Wissensgrundlage dafür geschaffen, welche Möglichkeiten Betriebsleiter in Technologien für die Datenerhebung und Datenverarbeitung sehen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass wir diese ersten Erkenntnisse näher untersuchen und verstehen müssen, damit der Aufwand für die Datenerfassung verringert werden kann und Entscheidungsprozesse im Betrieb möglichst benutzerfreundlich unterstützt werden können.

In der Möglichkeit auch Daten von zunächst nicht unmittelbar betriebswirtschaftlichem Interesse aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen zusammenzutragen, sieht das ZBG eine große Chance für die vollumfängliche Betrachtung und Analyse des eigenen Betriebes im Vergleich zur Branche. Hier zeigt sich das Potenzial der Anreicherung von hauptsächlich aus dem Rechnungswesen stammenden Daten des Betriebsvergleich 4.0 mit z.B. Flächenangaben je Kultur, Ausgaben für Pflanzenschutz oder Erntemengen, die detaillierte Auswertungen möglich machen. 

Um die Bedarfsanalyse auf noch breitere Füße zu stellen, freuen wir uns über jede Betriebsleiterin und jeden Betriebsleiter mit dem Interesse an einem Interview und einer möglichen Betriebsbesichtigung teilzunehmen. Wenn Sie Interesse haben mehr über unser Projekt zu erfahren, schreiben Sie uns gerne:

Luis Müller (ZBG)
E-Mail: mueller@zbg.uni-hannover.de

Max Bangen (Farmable)
E-Mail: max@farmable.tech

Kurzvorstellung der Projektpartner

Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau e.V. (ZBG)
Das ZBG führt im Auftrag der Landwirtschaftsministerien seit über 60 Jahren den Betriebsvergleich Gartenbau durch, an dem jährlich etwa 1.000 Betriebe (ca. 150 Obstbaubetriebe) teilnehmen, forscht zu gartenbauökonomischen Themen und transferiert betriebswirtschaftliche Inhalte in die gartenbauliche Praxis, Beratung und Bildungseinrichtungen.

Landwirtschaftskammer Niedersachsen
Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen ist die Selbstverwaltungsorganisation der Landwirtschaft in Niedersachsen und unterstützt die gartenbaulichen Betriebe mit angewandter Forschung und Beratung.

Farmable
Farmable wurde von einem Team norwegischer Obstbauern inspiriert, die den Mangel an Digitalisierung erster Hand aus ihrem eigenen Betrieb kennen. Daher liegt für Farmable der Fokus auf der Entwicklung einer benutzerfreundlichen digitalen Plattform speziell für den Anbau von Obst- und Sonderkulturen. Die 2019 veröffentlichte mobile App und das webbasierte Online-Portal wird ständig dank der Ideen und Rückmeldungen von Erzeugern mit weiteren Funktionen für den Obstbau aktualisiert.